Indiana Dex und der Tempel der Verkäuferdämonen

Indiana Dex und der Tempel der Verkäuferdämonen

Es ist soweit: Winter. Überall friert, schneit und regnet es, Eis ist auf den Straßen und bescheuerte Jugendliche überschätzen ihre Fahrkünste. Mal sehen, wenn der erste einen Unfall baut. Aber bevor es richtig kalt wird, muss ich noch eine Sache erledigen: Meine Artefaktjagd hat nur einen Teilerfolg hervorgebracht. Ein Schuh fehlt noch.


Also brach ich erneut auf, in den Dschungel, den sie Stadt nannten. Nur durch lange Denkarbeit, eisernes Durchhaltevermögen und gekonnte Angeberei fand ich die dringend benötigten Hinweise auf das Gegenstück meines legendären Winterschuhs.


Da Du als eifriger Leser meiner Chroniken bereits weißt, wie überaus knapp es das letzte Mal war, kannst Du dir auch sicherlich vorstellen, dass ich dieses gefährliche Abenteuer nicht allein angehe. Mit von der Partie sind Baroness Voldescholz, Kanonenfutter-Kouki und der Hilfsarbeiter und Storyopfer Pedro, der eh‘ in der ersten schwierigen Situation panisch flüchten wird und uns im Stich lässt. Wobei wir später natürlich seine Leiche finden. Das kommt halt davon, wenn günstige Peruanische Helfer uns betrügen wollen.


Wir stiegen langsam hinab in den dicht verwachsenen Wald, wieder einmal suchend und auf ein erfolgreiches Abenteuer hoffend. Die Ureinwohner beäugten uns und manche waren sogar kühn genug, uns mit ihren Waren anzusprechen. Ein etwas jüngerer, mit dem Rückenhaar eines schwarzen Ebers gesegneter Dorfhändler, versuchte uns damit zu umschmeicheln, dass er das beste Netz habe, und wir es auch nur 2 Jahre benutzen müssten, bevor wir uns einfach ein neues aussuchen dürfen.


Doch obwohl unsere Queste einer Jagd galt, brauchten wir offensichtlich kein Netz. Unser Ziel bewegte sich nicht und moderte vermutlich in einem staubigen Grab vor sich hin. Obwohl das mit dem Modern nicht so praktisch wäre. Doch jede Reise hat auch ein Ende und just, als ich diesen Gedankengang ums Modern zu Ende führte, hackte Pedro uns das letzte Stück Parkplatzgestrüpp aus dem Weg.

Da stand er. Der zweite Tempel. Imposanter als der erste, größer als der erste und offenbar auch schärfer bewacht als der erste Tempel. Schon die Tempeltür allein zeigte die große Macht der Baumeister – Sie öffnete und schloss sich wie durch Zauberhand. Die Baroness bekundete Interesse, die uralte Macht der Tempelbauer zu erlangen, doch ich hielt sie zurück – wir waren zu einem anderen Zwecke hier, und Pedro war teuer im Unterhalt.

Die Grabräuberei, wie in einem bestimmten Videospiel von einer Dame mit großen Eu… Eu… Eulenaugen millionenfach zelebriert, ist unsere Aufgabe, denn der Winter naht und ich möchte nicht dem Fluch des Am-Boden-Festfrierens anheimfallen.


Da die Tempeltür groß genug war, konnten wir uniform eintreten. Jeder mit verschiedenen Gesichtsausdrücken, ich kam aber nicht umhin, das kleine machthungrige Glitzern in den Augen der Baroness zu entdecken. Es beunruhigte mich. Sollte etwa hier ein Plot-Twist herbei geschrieben werden?

Nachdem wir uns einen schnellen Überblick über die Weite der Tempelanlagen verschafft hatten, bildeten wir Teams. Da sich die Baroness Voldescholz bereits an den Kouki klammerte, nahm ich Pedro mit. So hatte Ich für den Ernstfall ein Bauernopfer. Effizient entgingen wir vielen der aufgestellten Fallen, auch wenn bereits einige Verkäufersukkubi herumstreiften. Wir liefen gebückt durch die Gänge um einer etwaigen Entdeckung zu entgehen. Doch dann geschah es. Ein schrilles „Vorsicht!“ von Kouki, dann stand es vor uns. Und, du meine Güte, es schien die Mutter aller Sukkubi zu sein.

Ein Gesicht wie dreißig Jahre Currywurst Pommes Schranke in Dortmund-Scharnhorst, eine Figur, als wenn sie mit 18 ihre erste komplette Schulklasse zu Welt gebracht hätte und eine Stimme wie ein lieblicher Hornissenschwarm. Ein sehr wütender lieblicher Hornissenschwarm.


Während sie langsam den gewaltigen, männerverschlingenden Rachen öffnete, drehte sich Pedro um und lief schreiend los. Und ich könnte schwören, just in diesem Moment bekam ich einen Krampf im Bein, einen zuckenden Muskel oder irgendeine theistische Fügung, die mein rechtes Gehwerkzeug einige Zentimeter verrücken ließ – so dass Pedro sich sehr lang, flach und innig mit dem Boden bekannt machte und Mutter Dämon ihn in ihre Höhle schleifen konnte. Zweifellos, um noch eine weitere Schulklasse zu zeugen. Armer Junge.

Die Zeit wurde jetzt knapp, denn durch Pedros Schreie (oder anderweitige lustvolle Geräusche aus der Kaverne von Mama Dämon) waren die anderen Monstrositäten derart aufgeschreckt, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie uns entdeckten.


Die wirklich wichtigen Hauptcharaktere inklusive mir trafen sich wieder und besprachen die neue Vorgehensweise. Während Kanonenfutter-Kouki vorschlug, einfach alles umzumähen und wir dann in Ruhe schauen, ging in der Baroness eine bei ihr recht seltene kleine Ideen-Lampe auf – Wir sollten nach einem Schema suchen. Vielleicht waren die Kisten sortiert? Ich wiederum schlug vor, nach einem Schema zu suchen, denn vielleicht waren die Kisten nämlich sortiert.

Völlig unvoreingenommen wählten wir meinen Plan. Aber der Plan von Voldescholz war auch nicht schlecht. Mein Plan ging auf – je näher wir der Mutterhöhle kamen, desto teurer wurden die Grabbeigaben. Wir waren auf der richtigen Spur. Während wir uns durch die breiten Gänge pirschten, nagte eine Erinnerung an meinem Gedächtnis. Da war doch was. Doch ehe meine Ahnung sich manifestieren konnte, deutete mein schießfreudiger Begleiter an die Decke – dort hing er. Der Schuh. An einem seidenen Faden, wie ein Damoklesschwert, über der Höhle.


„Den erwisch‘ ich aus fünfzehn Metern mit einem verbundenen Ohr!“
flüsterte er mir zu, froh, in diesem Abenteuer auch mal irgendwie nützlich zu sein. Weiterhin nagte die Erinnerung an meinen Gedanken, doch die Aufregung war zu groß.


Und nach einem kurzen Knall hielten wir ihn in den Händen. Das heißt, Ich hielt ihn in den Händen. Den zweiten Schuh! Total legitim aus einem Grab geraubt. Nun hieß es, keine Zeit mehr zu verschwenden. Immer noch fast kriechend, schlichen wir durch die Tempelanlage. Um uns nicht zu verlaufen, hatte ich eine Rote Schnur durchs Labyrinth gespannt und hoffte, so den Eingang wiederzufinden. Den Trick hatte ich schon bei Dexter gegen Goliath angewendet, kennst Du bestimmt.

Je größer der Fadenknäuel in meiner Hand wurde, desto näher kamen wir dem Ausgang. Ich konnte meinen Finger zwar noch nicht auf diese dunkle Vorahnung legen, doch sie nagte an meinem Verstand. Irgendetwas war komisch.

Gerade als der Ausgang in Sichtweite kam, erschien eine Silhouette im Haupteingang der Tempelanlage. Wer war das, und was wollte er hier? Genau im selben Moment lief die Baroness los und ließ uns fast stehen. Es war der Ureinwohner mit dem Rückenhaar eines Schwarzen Ebers!


„NEIN!“ rief ich, doch es war zu spät. Wir waren gefangen in einem Tempel voller Dämonen und andersweltlicher Dinge. Zumindest sollte das nun so klingen, denn ein Indiana-Dex-Abenteuer geht nie ohne Happy End aus. Aber, da wir immer noch gefangen waren, suchte ich nach einem Ausgang. Ein weniger suspekter Dämon nahe der Ausganges erspähte uns und bot uns einen Handel an. Wir sollten ihn mit dem Kauf einiger Schuhpflegeprodukte einen Höllenzirkel weiterbringen, dann würde er uns helfen.


Misstrauisch schauten wir uns um, und besorgten einige Ledersohlen, die wohl dem Artefakt neuen Glanz verleihen sollten, und er öffnete uns einen kleinen Seitengang. Dort sollten wir hineingehen und tatsächlich, nach kurzer Zeit erreichten wir den Ausgang.


Das Objekt der Begierde war in meinen Händen, doch beinahe zu einem zu hohen Preis. Die Baroness habe ich nie wieder gesehen, und wirklich zum Schluss denke ich mir, das Einzige, was ich daraus gelernt hab, ist:

Das nächste Mal kaufe ich meine Schuhe wieder alleine. So.

Gib mir deinen Senf!